März 12, 2026 / Alles, Featured, Gemeinden am Standort, Nachhaltigkeit, Neues zum Unternehmen, Umwelt Herausforderungen und Chancen der deutschen Holz- und Forstwirtschaft – Mercers Erkenntnisse aus der WEHAM-Studie In Berlin diskutierten Anfang Juli 2025 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft über die Zukunft des deutschen Waldes. Lesen Sie, wie Mercer den Strukturwandel aktiv mitgestaltet und auf Klimawandel, Rohholzversorgung und neue Märkte reagiert. In Berlin versammelte sich die deutsche Forst- und Holzbranche zu einem wichtigen Austausch über die Zukunft der Branche: „Charta für Holz 2.0 im Dialog – Wald im Wandel: Perspektiven der Wald- und Rohholzentwicklung“. Die vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) und der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe (FNR) organisierte Konferenz rückte die Ergebnisse der aktuellen Waldentwicklungs- und Holzaufkommensmodellierung (WEHAM) in den Mittelpunkt der Diskussion. Zentrale Themen waren die Anpassung der Waldbewirtschaftung an den Klimawandel, die zukünftige Verfügbarkeit von Holz und somit die langfristige Rohholzversorgung für die stoffliche Verwertung. Mercer International war bei dieser wichtigen Veranstaltung durch Dr. Carsten Merforth, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Rohholz im Hauptverband der Deutschen Holzindustrie und Mercer COO Sägeholzprodukte, als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion sowie durch Wolfgang Beck, Senior Vice President Globaler Holzeinkauf, vertreten. Ihre detaillierten Einschätzungen bieten eine maßgebliche Perspektive auf die Herausforderungen und Chancen für global agierende Holzverarbeiter in Deutschland. Aber zunächst einmal: Was ist die WEHAM-Studie? Die WEHAM-Studie: Szenarien für den Wald der Zukunft Die WEHAM-Studie, erstellt vom Thünen-Institut im Auftrag des BMLEH, modelliert das theoretische Rohholzpotenzial des Waldes von 2023 bis 2062 sowie die zugehörige Waldentwicklung. Sie basiert auf den umfassenden Daten der Bundeswaldinventur (BWI 4). Die Bundeswaldinventur ist eine bundesweite Erhebung, die alle zehn Jahre den Zustand und die Entwicklung der deutschen Wälder erfasst. Kernergebnisse der WEHAM-Modellierung: Das Holzpotenzial wird in den nächsten vier Jahrzehnten voraussichtlich weiterhin in gleichbleibend hoher Menge zur Verfügung stehen. Im Mittel des 40-jährigen Prognosezeitraums beträgt das Rohholzaufkommen 80,6 Millionen Erntefestmeter pro Jahr. Zu Beginn liegt es mit etwa 88 Millionen Kubikmetern pro Jahr um gut 20 Prozent über der tatsächlichen Nutzung der Bundeswaldinventur 2022. Die Zusammensetzung des Holzaufkommens wird sich jedoch grundlegend verändern: Laubholz, vor allem Buche, gewinnt immer mehr an Bedeutung, während das Nadelholzpotenzial (insbesondere Fichte und Kiefer) abnimmt. Die Fichte, unsere immer noch vorratsreichste Baumart, wird voraussichtlich weitere 15 % ihres Vorrats verlieren, die Kiefer sogar 20 %. Dies ist eine direkte Folge des Klimawandels, der Kalamitäten begünstigt, von denen hauptsächlich die aktuell in unseren Wäldern vorhandenen Nadelholzbaumarten betroffen sind. Die Aufforstung von Kalamitätsflächen führt mittelfristig zu einem hohen Rohholzaufkommen bei kleineren Durchmessern, was neue Herausforderungen für die Verarbeitung mit sich bringt. Es ist wichtig zu beachten, dass WEHAM die Modellierung eines Szenarios und keine exakte Prognose der Realität liefert. Beck wies darauf hin, dass die Entwicklungen von Unsicherheitsfaktoren wie Klima, Forstwirtschaft, politischen Einflüssen, politischen und individuellen Zielsetzungen und nicht zuletzt dem Verhalten der Waldbesitzenden stark beeinflusst werden. Herausforderungen und Chancen: Die Mercer-Perspektive Preis- und Wettbewerbsdruck: Die Veränderungen in Waldzusammensetzung und Holzverfügbarkeit treffen die Holzindustrie unmittelbar – auch Unternehmen wie Mercer, die stark auf Nadelholz setzen. Die aktuelle und zukünftige Situation auf den Rohholzmärkten stellt die Branche vor spürbare Herausforderungen. Strategien für Nadelholz Die jüngsten Käferkalamitäten haben die Verfügbarkeit von Fichtenholz drastisch reduziert – mit direkten Folgen für Mercers Säge- und Zellstoffwerke, die auf Nadelholz angewiesen sind. Kiefer kann Fichte im Sägebereich, vor allem im konstruktiven Bereich, nicht vollwertig ersetzen, da Bauvorschriften und VOC*-Emissionen ihre Nutzung einschränken und sie damit eine geringere Wertigkeit hat. Die Verknappung von Nadelholz wird zu steigenden Preisen führen. Eine weitere Konsolidierung der gesamten holzverarbeitenden Industrie erscheint wahrscheinlich. Wolfgang Beck prognostizierte, dass die Wirtschaftlichkeit deutscher Sägewerke sinken und die internationale Wettbewerbsfähigkeit nachlassen könnte. Gründe dafür sind, dass die Betriebe wegen des geringeren Nadelholzanfalls pro Fläche und der größeren Einkaufsradien tendenziell geringere Einschnittsleistungen akzeptieren müssen. Dadurch steigen zum einen die Holz- und damit Herstellkosten und zum anderen werden die Skaleneffekte zur Fixkostendeckung geringer. Strategische Anpassungen und Lösungsansätze von Mercer Mercer bereitet sich auf eine Zukunft mit mangelnder Verfügbarkeit von Nadelholz vor. Ziel ist es, die Wertschöpfung und Effizienz in den Werken zu steigern, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Höhere Veredelung als Antwort auf steigende Holzpreise Dr. Carsten Merforth betonte, dass in Zukunft mehr in die Produktion von hochwertigen Produkten wie Konstruktionsvollholz (KVH) und Brettsperrholz (CLT) investiert werden muss, um die Wertschöpfung zu maximieren und bisher ungenutzte Potentiale für die Veredelung einfacher Sägeware zu nutzen. Merforth bezeichnet diesen Ansatz für den Standort Friesau als „absolut entscheidend“. Das Unternehmen prüft derzeit, wie Erfahrungen aus CLT-Projekten in Nordamerika genutzt werden könnten. Chancen im Laubholz Angesichts des wachsenden Laubholzpotenzials, von dem derzeit über 75 % als Brennholz genutzt werden, unterstreicht Dr. Merforth, dass die Verwendung von Laubholz in völlig neuen Produktkategorien gedacht werden müsse, da klassische Bauholzprodukte aus Laubholz, wie etwa Deckenbalken aus Buche, weder wirtschaftlich noch technologisch sinnvoll sind. Ziel ist es, Holzbestandteile wie Lignin oder Cellulose als Ersatz für erdölbasierte Produkte zu nutzen. Umdenken in der Logistik Das wird von Wolfgang Beck als ein zentraler Punkt hervorgehoben. Die Prognose zeigt, dass in Regionen wie Harz, Sauerland und Thüringer Wald deutlich weniger Nadelholz verfügbar sein wird. Stattdessen konzentriert sich das Holzaufkommen zunehmend auf Bayern und Baden-Württemberg. Für Unternehmen wie Mercer, deren Verarbeitungsanlagen in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt angesiedelt sind, bedeutet diese Verschiebung einen erheblich höheren Aufwand und Kosten in der Beschaffung. Beck betonte, dass Mercers bestehende Terminal-Strategie “genau die richtige ist“, um diesen logistischen Herausforderungen zu begegnen. Die Mobilisierung von Bahnhöfen für die Holzlogistik sichert den Zugang zu wichtigen Liefergebieten – etwa dem Schwarzwald oder Kiefernregionen im mittleren Bayern. Beck sieht die logistischen Fähigkeiten von Mercer als eine Stärke mit Alleinstellungsstatus, die den Zugang zu diesen vitalen Ressourcen besser ermöglicht. Kontinuierlicher Holzfluss Ein stetiger Holzfluss ist für die Werke von Mercer entscheidend, um unregelmäßige Märkte und Versorgungsengpässe durch zufällige Nutzungen wie Käferholz-Anfälle zu vermeiden. Dafür fordert Merforth eine konsequentere Nutzung der Nadelholzvorräte, insbesondere in Risikogebieten, um den Waldumbau zu beschleunigen und Mischbestände zu fördern. Förderung schnellwachsender Baumarten Da die derzeit und auch in Zukunft mengenmäßig mit weitem Abstand am meisten nachgefragten Bereiche der Schnittholzverwendung im Hausbau liegen, muss der Waldumbau auch weiterhin ausreichende Anteile klimawandelresistenter Nadelholzbaumarten vorsehen. Hier sind seitens der Politik Anreize durch Förderung zu setzen, um die Nachfrage der Bevölkerung nach klimafreundlichen, nachhaltigen Baustoffen auch in Zukunft aus heimischen Wäldern befriedigen zu können. Auch die Förderung schnellwachsender und gut verarbeitbarer Baumarten wie Pappel als Alternative zu Nadelholz wird von Dr. Merforth angedacht. Rolle der Politik: Hemmnisse und Potenziale Die Zukunft der deutschen Forst- und Holzwirtschaft hängt maßgeblich von den politischen Rahmenbedingungen ab: Stichwort Mobilisierung des Kleinprivatwaldes Ein Großteil des Nadelholzes liegt im Kleinprivatwald, der 52 % des gesamten Potenzials ausmacht. Wolfgang Beck hob hervor, dass die Kluft zwischen Potenzial und tatsächlichem Einschlag historisch groß ist und frühere Versuche zur Mobilisierung gescheitert sind. Politische Maßnahmen wie finanzielle Anreize oder die Förderung privater forstlicher Zusammenschlüsse seien notwendig, um die Holzernte zu fördern. EUDR als Hemmnis Die European Union Deforestation Regulation (EUDR) wird als potenzielles Hindernis für die Mobilisierung im Kleinprivatwald gesehen, da sie zusätzliche bürokratische Hürden schafft, die viele Eigentümer abschrecken könnten. Dies könnte die Verfügbarkeit von Holzressourcen weiter reduzieren. Gezielte Förderung von Holzbau und Innovationen Dr. Merforth schlägt gezielte Förderung vor. Eine Erhöhung der Holzbauquote in Deutschland, beispielsweise auf 50 % bis 2050, würde den gesellschaftlichen Nutzen von Holz als Kohlenstoffspeicher und Substitut für energieintensive Baustoffe wie Beton und Zement maximieren. Auch kann er sich die Förderung von Nadelholz in der Nachpflanzung vorstellen. Anpassung der Klimaziele Es besteht der Wunsch, die nationalen Klimaziele für den Landnutzungs-, Landnutzungsänderungs- und Forstsektor (LULUCF) an die realen Potenziale anzupassen. Kohärente Waldpolitik Dr. Eckard Heuer vom BMLEH betonte die Notwendigkeit einer „kohärenten Waldpolitik“ in Deutschland, die gemeinsame Ziele verfolgt und Konflikte überwindet. Fazit: Gemeinsam für eine nachhaltige Zukunft Die deutsche Forst- und Holzwirtschaft steht vor einem grundlegenden Strukturwandel. Die WEHAM-Studie liefert wichtige Erkenntnisse über die sich verändernde Rohstoffbasis: Während das Nadelholzpotenzial sinkt, steigt die Bedeutung des Laubholzes. Unternehmen wie Mercer reagieren mit höherer Veredelung und Innovationsstrategien. Die Mobilisierung des Privatwaldes, die Förderung einer stetigen Holzversorgung und die Stärkung des Holzbaus bleiben aber zentrale Herausforderungen, die nur in enger Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bewältigt werden können. Mercer unterstützt die Vision eines klimaresilienten, artenreichen und produktiven Waldes, dessen Holz nachhaltig genutzt wird, um einen möglichst großen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten und zugleich Arbeitsplätze in ländlichen Regionen zu sichern. Die vorliegenden Daten und Diskussionen dienen als Impuls, um diesen Wandel aktiv und datenbasiert zu gestalten. _____ * VOC steht für Volatile Organic Compounds – flüchtige organische Verbindungen, die bei der Verarbeitung von Holz freigesetzt werden und regulatorischen Beschränkungen unterliegen.